Alten-Amor

 Der Alten-Amor

Sie (23), Nachwuchsjournalistin, sucht ihn (54), Senioren-Partnervermittler. Im Kiepenkerl, einem Münsteraner Traditionslokal

 

Und, Herr Schürmann, den Bogen heute schon gespannt?

Fast. Gerade war ich zum Vorgespräch mit einer Dame. Arztwitwe, 73 Jahre, aus guten Verhältnissen. Passte ziemlich gut in meine Kartei. Ich hätte auch schon einen „Kavalier der alten Schule“ im Auge. Das könnte einen Treffer geben. Aber die Dame möchte erst nochmal drüber schlafen.

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Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?

Ziemlich hoch. In der Regel trifft sich ein Kunde nur zwei bis drei Mal. Wenn ich einen Vorschlag mache, dann sollten die Grundvoraussetzungen schon passen. Mein Geld verdiene ich nur bei Erfolg.

 

Lagen Sie schon mal so richtig daneben?

Ich treffe zwar nicht immer sofort ins Schwarze, aber voll danebengehauen habe ich noch nie. Eine Kundin ist allerdings nicht ganz leicht zu vermitteln. Sie ist die Älteste in meiner Kartei. 82 Jahre und so fit, dass sie alle bisher vorgestellten Herren in die Tasche steckt. Ehemalige Marathon-Läuferin, Computerexpertin, Fotografiefanatikerin, reisebegeistert. Bisher waren ihr die Herren nicht fit genug.

 

Was hat sie zu Ihrem Job bewegt?

Ich habe bis vor 15 Jahren im Personalwesen einer Bank gearbeitet, bis die Stelle wegrationalisiert wurde. Was sollte ich machen? Mein Kapital ist meine Menschenkenntnis. Mir ist es damals meistens gelungen, die richtigen Menschen an die richtige Position zu setzen. Warum sollte es mir nicht auch gelingen, die richtigen Partner zusammenzubringen? Ich habe mich auf Senioren spezialisiert, weil das Leben reiferer Menschen in festen Bahnen ist, die Charaktere ausgeprägt und die Ziele klar sind. Wenn ich so gestandende Persönlichkeiten vor mir habe, traue ich mir schon zu, den richtigen Partner zu finden.

 

Welche Menschen wenden sich an Sie?

Viele sind verwitwet oder geschieden. Das Durchschnittsalter ist 65 Jahre. Diejenigen, die noch im Berufsleben stehen, haben weder die Zeit noch die Lust, nach einem anstrengenden Tag auf die Piste zu gehen und das andere Geschlecht anzubaggern. Oft fehlt die natürliche Gelegenheit oder der passende Ort, um jemanden kennenzulernen. Die meisten meiner Kunden verschweigen allerdings, dass sie einen Partnervermittler eingeschaltet haben. Im Bekanntenkreis wird wohl eher erzählt, dass man sich noch einmal in den alten Klassenkameraden verliebt hat.

 

Gibt es Kunden, die nur ein Abenteuer suchen?

Vor Kurzem hat mich ein Herr angerufen, 63 Jahre, Akademiker, der eine jüngere Geliebte suchte. Er wollte ihr alles bezahlen, Wohnung, Taschengeld. Solche Anfragen kommen vor, aber selten. Ich lehne das prinzipiell ab. Wobei es auch Unterschiede gibt. Ich habe zwei Kunden, deren Partnerinnen so krank sind, dass sie nie wieder nach Hause kommen werden. Die beiden Frauen wollen ihre Männer aber nicht alleine wissen. Hier habe ich dann keine Skrupel.

 

Ab dem 70. Lebensjahr kommen in Münster zurzeit zwei Frauen auf einen Mann. Ist das nicht ein Problem für Sie?

Ich habe einen Frauenüberschuss in der Altersgruppe, das stimmt. Deshalb mache ich gelegentlich Aktionen, bei denen ich den Herren finanziell entgegenkomme.

 

Wie viele Menschen haben Sie schon in den 70. Himmel befördert?alten-armor2

Das Thema Liebe im Alter wird ja eher belächelt, aber ich kenne genug Geschichten, wo es noch einmal so richtig geschnaggelt hat. Ich zähle meine Vermittlungen nicht, aber an die 200 werden es sicher sein.

 

Nimmt Senioren-Partnervermittlung zu?

Man könnte das meinen, aber die Zahl der Vermittlungen ist in den letzten 15 Jahren fast gleich geblieben. Das Internet ist auch eine große Partnerbörse. Konkurrenz ist das für mich aber nicht. Für viele ist die persönliche Betreuung immer noch wichtiger als das Surfen.

 

Ist Ihren Kunden eigentlich Aussehen wichtig?

Den meisten geht es in erster Linie um die inneren Werte. Das andere muss man mir aber auch nicht sagen. Ich stell mir die Leute schon ganz gut neben einander vor. Nehmen wir die Dame mit der Sonnenbrille da hinten…

 

Kann ich da hinschauen?

Ja, kurz. Ihr Partner müsste mit Sicherheit schlank sein, ein bisschen größer als sie, von der Kleidung eher gehobener. Ohne eine Portion Selbstbewusstsein hätte er wahrscheinlich schlechte Karten. Oder der Herr mit dem wüsten Schnäuzer daneben. T-Shirt, kein Sakko, isst gern und das um diese Uhrzeit. Es ist drei. Die Dame, die er da sitzen hat, passt ganz gut. Eher der häusliche Typ. Liebe geht ja auch durch den Magen.

 

Reden die denn miteinander?

Ja, sogar mit vollem Mund. Aber das sind jetzt alles nur Äußerlichkeiten, die Wellenlänge muss natürlich auch stimmen.

 

Sie kombinieren also nicht nur beruflich?

Wenn ich alleine in der Stadt bin, dann puzzle ich schon eine Menge rum in Gedanken. Das machen Sie doch auch. Jeder beobachtet gern. Und natürlich darf man nicht vergessen, dass man selbst auch beobachtet wird.

 

Was würde ein anderer Partnervermittler gerade über Sie denken?

Geschmack hat er. Aber sie ist ein bisschen zu jung für ihn.

 

Sind Sie in ihrer Freizeit also auch ein Kuppler-Typ?

Eher der Kumpel-Typ. In meinem Bekanntenkreis sind alle unter der Haube. Bei meinen drei Söhnen sieht es anders aus. Die sind alle solo. Der älteste ist 30, der zweite 28 und der jüngste 21. Die müssen aber offensichtlich erst in das Alter meiner Klientel kommen, damit ich helfen kann. Das kann doch nicht sein. Sie müssen sich mehr anstrengen!

Wie alt sind Sie? Sie müssten mal meinen Sohn Volker kennenlernen, ein dufter Typ. Er ist gelernter Steinmetz und studiert jetzt auf Lehramt.

 

Haben Sie Ihre Frau über einen Partnervermittler kennengelernt?

Nein, das ging so. Auf einem Jugendball vor 35 Jahren. Aber wenn es anders wäre, dann würde ich es auch nicht an die große Glocke hängen.

 

 

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Artikel „Der Alten-Amor“ – Magazin „Alt“ Konrad Adenauer Stiftung

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